Michael Kohlhaas - Film oder Buch

Film oder Buch - das ist hier die Frage!

Michael Kohlhaas – zeitlos aktueller Stoff über Recht, Gerechtigkeit und Macht 

Ob Donna Leon, Dan Brown, Wallander-Krimis, Harry Potter oder auch klassische Schullektüre wie Kleists „Michael Kohlhaas“ – Literaturverfilmungen sind stark im Trend. Doch lautet am Ende in der Regel das Urteil immer, das Buch sei besser, so es denn zuvor überhaupt gelesen wurde. Dass dabei in einem solchen Pauschalurteil sämtliche teils immense Unterschiede zwischen filmischem und literarischem Erzählen unbeachtet bleiben, erinnert schnell an den redensartlichen Vergleich von Äpfeln mit Birnen, stehen doch dem Geschichtenerzähler im Medium des Films ganz andere Mittel und Werkzeuge zur Verfügung als im Medium der geschriebenen Sprache – vice versa. Diesen Unterschieden in einer detaillierten Auseinandersetzung mit Buch und Film zu ein und demselben Erzählstoff auf den Grund zu gehen, war Gegenstand eines Klassenprojekts in der Klasse 10a. Basierend auf der Auseinandersetzung mit der literarischen Vorlage „Michael Kohlhaas“ von Heinrich von Kleist aus dem Jahr 1810 erarbeiteten die Schülerinnen und Schüler die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen dem Ursprungstext der Novelle Kleists und der aktuellsten Verfilmung der Kohlhaas-Novelle des französischen Regisseurs Arnaud des Pallières, die im November 2013 in den deutschen Kinos angelaufen war. In der Hauptrolle des Michael Kohlhaas brilliert der dänische Charakterdarsteller Mads Mikkelsen, dem 2006 der internationale Durchbruch mit seiner Rolle als Gegenspieler James Bonds in „James Bond 007: Casino Royale“ gelungen war.
Nachdem den Schülerinnen und Schülern am eigenen Leib und durch Sammeln eigener Alltagserfahrungen sowie aktueller zeitgenössischer Beispiele gezeigt wurde, dass das Thema der Willkür und Ungerechtigkeit auch heute noch jeden betrifft, begaben sie sich mit dem Einstieg in die Novelle in die Frühe Neuzeit ins Fürstentum Brandenburg nach Kohlhaasen­brück, dem Hof des Michael Kohlhaas, einem rechtschaffenen verheirateten Familienvater und Rosshändler von Beruf, der eines Tages durch fürstliche Willkür materiell geschädigt wird, woraufhin er gegen das Unrecht auf dem Wege der Justiz vorgeht, jedoch durch diese mehrfach ungerecht behandelt wird, vor Gericht wiederholt unterliegt, durch Fürstengewalt seine Frau verliert und so desillusioniert in Selbstjustiz einen mörderischen Feldzug beginnt, um das Unrecht an ihm und seinem Knecht sowie den Tod seiner Frau zu rächen. Im Anschluss an die Analyse der erzählerischen Mittel über den auktorialen Erzählstil und die Erzählerkommentare bis hin zu der häufig eingesetzten indirekten Rede sowie die bisweilen syntaktisch komplexe Sprache Kleists wurden die Lese- und Analyseeindrücke mit in den Kinosaal genommen, um inhaltliche Unterschiede und filmische Mittel wie Kameraführung, Einstellungsgröße, Ton und Musik, Dialoggestaltung oder Schnitt im Kontrast zum schriftlichen Erzählen unter die Lupe nehmen zu können.
Dies wurde im Rahmen des Projekts „Das Kino als Klassenzimmer“ des KunstKultur Quartiers Nürnberg in die Tat umgesetzt, das eine Filmvorführung mit schülerfreundlichen Eintrittspreisen im Filmhauskino in der Königstraße für die Klasse 10a sowie zwei Deutschkurse der Q11, die die Novelle im Rahmen von Schülerreferaten im Unterricht bearbeitet hatten, ermöglichte.
Neben zahlreichen inhaltlichen Unterschieden zum Originaltext wie die Verlagerung der Handlung von Deutschland nach Frankreich, die zentrale Rolle einer der Töchter von Michael Kohlhaas oder die Aussparung der Verwicklungen der Kurfürsten von Sachsen und Brandenburg in das Schicksal Kohlhaas᾿ vermittelt der Film vor allem sehr schön die Wirkung des Einsatzes bestimmter filmischer Mittel. So werden lediglich kurze, spröde wirkende Dialoge eingesetzt, Szenen oder Sequenzen werden bewusst durch altertümlich anmutende Musik unterstützt, die jedoch wie die Dialoge zurückhaltend eingesetzt werden. So liegt insgesamt ein eher wortkarger, stiller Film vor, der dadurch zum Teil eine beklemmende und verstörende Wirkung entfaltet. Im Bereich der Kameraeinstellungen wird der Fokus stark auf die Hauptfigur Kohlhaas gerichtet, die häufig durch Großaufnahmen in ihrer Emotionalität in den Vordergrund gerückt wird. Im Gegensatz dazu stehen allerdings auch viele Weitaufnahmen, die die karge, düstere Landschaft in den Fokus rücken. Damit einhergehend wird auch Licht und Farbgebung bewusst eingesetzt, um eine diffuse, dunkle Atmosphäre zu erzeugen. Aufgrund dieser Analysen wurde der cineastische Blick der Schüler geschärft und auch der zuweilen befremdliche Eindruck nach der Filmvorführung erklärbar. Als Abschluss des Projektes durften die Schüler eine Filmrezension verfassen, bei der gemäß der eingangs angeführten Regelbeobachtung bei Buch-Film-Vergleichen und trotz der historischen und sprachlichen Distanz heutiger Jugendlicher zu Kleist das Urteil zumeist gegen den Film ausfiel. Fühlt sich nun der ein oder andere Filmschaffende ungerecht behandelt ob der ständigen Betonung, dass das Buch doch für gewöhnlich besser als der Film ist, so sei hier abschließend ein Lektüretipp zum Thema Recht und Gerechtigkeit gegeben: „Michael Kohlhaas“ von Heinrich von Kleist.

                                                                                                                      Martin Behr

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